Feierliche Verleihung des Lew Kopelew Preises für Frieden und Menschenrechte 2017 an den russischen Soziologen Lew Gudkow und den türkischen Journalisten Can Dündar in der Kassenhalle der Kreissparkasse Köln am Neumarkt

Foto: Kreissparkasse Köln

Am Sonntag, den 26. November 2017, fand die viel beachtete 13. Verleihung des Lew Kopelew Preises für Frieden und Menschenrechte in der Kassenhalle der Kreissparkasse Köln am Neumarkt statt. Der nach Lew Kopelew genannte Preis wurde in diesem Jahr an den russischen Soziologen Lew Gudkow und den türkischen Journalisten Can Dündar verliehen. Alexander Wüerst, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Köln und stellvertretender Vorsitzender des Lew Kopelew Forums, begrüßte über 500 geladene Gäste.

„Der russische Soziologe Lew Gudkow und der türkische Journalist Can Dündar haben gezeigt, dass sie sich und ihre Arbeit nicht in den Dienst von autokratischen Machtinteressen stellen lassen. Sie bestehen auf Unabhängigkeit und Wahrhaftigkeit von Wissenschaft und Pressefreiheit, ohne die eine offene Gesellschaft nicht leben kann. Can Dündar wurde dafür als Chefredakteur der türkischen Zeitung Cumhuriyet in Gefängnishaft genommen. Er ist mittlerweile gezwungen, im Exil zu leben. Lew Gudkow leitet das unabhängige Meinungsforschungsinstitut Lewada-Zentrum in Moskau. Er kämpft ohne Rücksicht auf Konsequenzen gegen die staatlich verordnete Bezeichnung des wissenschaftlichen Instituts als „ausländischer Agent“. Mit dieser Preisverleihung erklärt sich das Lew Kopelew Forum zugleich solidarisch mit all jenen, die in ihren Ländern für diese Werte kämpfen“, sagte Thomas Roth, Vorsitzender des Lew Kopelew Forums, in seiner Preisbegründung.

Die Festrede hielt Joachim Gauck, Bundespräsident a.D. der Bundesrepublik Deutschland. Er ehrte mit Lew Gudkow und Can Dündar zwei Menschen, denen Wahrhaftigkeit mehr bedeutet als Karriere und das Wohlwollen der Machthaber. Er dankte beiden Preisträgern, „weil sie uns in der Zuversicht bestärken, dass sich Wahrheit und Freiheit niemals gänzlich unterdrücken lassen“.
Mit eindringlichen Worten warb Gauck für Mut in der Politik. „Eine Diplomatie, die sich anbiedert und dabei den eigenen Kern verrät, verliert ihre Glaubwürdigkeit. Politik braucht die Rückbindung an die Ethik als Richtschnur. Insofern bedeutet Menschenrechtspolitik Einmischung: Sie verpflichtet uns, immer dann zu intervenieren, wenn die Würde eines Menschen verletzt ist, unabhängig davon, in welchem Staat dies geschieht“, sagte er.
Gauck erinnerte auch an Hunderte von inhaftierten Journalisten und die neun deutschen Staatsbürger, die sich noch in türkischer Haft befinden, und forderte deren sofortige, bedingungslose Freilassung. Darüber hinaus werde Deutschland allen Dissidenten Zuflucht bieten, die Schutz vor der türkischen Willkürherrschaft suchen. „Wir liefern sie nicht aus“.

Die Preisträger Lew Gudkow und Can Dündar erklärten in ihren Dankesreden ihr unermüdliches Wirken für die Freiheit des Wortes trotz ständiger Repressalien des Staatsapparates und wurden für ihr Engagement vom Publikum mit stehenden Ovationen bedacht.

Im Rahmenprogramm las der Schauspieler und Sprecher Bernt Hahn aus aktuellen Publikationen der beiden Preisträger: Texte aus Der Sowjetmensch von Lew Gudkow und Verräter. Von Istanbul nach Berlin. Aufzeichnungen im deutschen Exil von Can Dündar.

Die musikalische Untermalung gestaltete die Gruppe East Affair. Der Name der Band, die Herkunft der Musiker und das Cimbal als charakteristisches Instrument lassen erkennen, dass der musikalische Schwerpunkt von East Affair in Osteuropa liegt. In ihrer Musik verschmelzen aber auch Elemente aus vielen Teilen der Erde wie Afrika, Asien, Amerika oder dem Nahen Osten. East Affair verstehen sich als musikalische Osterweiterung, als eine kulturelle Affäre des neuen Europas. 2008 wurde East Affair als Sieger des Weltmusikpreises „creole NRW“ ausgezeichnet.

Die Preisträger:

Lew Gudkow, geboren am 6. Dezember 1946 in Moskau, studierte an der Staatlichen Universität Moskau Journalismus, Soziologie und Philologie und promovierte 1979 zum Doktor der philosophischen Wissenschaften. Nach mehreren beruflichen Stationen als wissenschaftlicher Mitarbeiter an unterschiedlichen russischen Forschungs- und Bildungseinrichtungen wechselte er 1988 ins staatliche Institut Wziom. Dort arbeitete er eng mit Jurij Lewada, dem ersten sowjetischen Professor der Soziologie, zusammen. Als Wziom eine kremltreue Leitung bekam, gründeten Lewada und Gudkow mit anderen Wissenschaftlern eine eigene Einrichtung, das Lewada-Zentrum. Nach dem Tod von Lewada wurde Gudkow zu dessen Nachfolger als Direktor gewählt. Im September 2016 erklärten die russischen Behörden das Lewada-Zentrum, das letzte unabhängige soziologische Institut in Russland, zum „ausländischen Agenten“.

Can Dündar, geboren 1961 in Ankara, studierte Journalistik in Ankara und London und promovierte 1996 in Politikwissenschaften. Er schrieb für diverse Zeitungen, publizierte zwei Dutzend Bücher und produzierte zahlreiche Fernsehdokumentationen. Can Dündar war bis 2016 Chefredakteur der renommierten Tageszeitung Cumhuriyet, die 2016 mit dem „Alternativen Nobelpreis“ ausgezeichnet wurde. Seit Anfang 2017 ist Dündar Chefredakteur der zweisprachigen journalistischen Plattform Özgürüz (deutsch: Wir sind frei) und schreibt die Kolumne „Meine Türkei“ in der Zeit. Dündar erhielt 2015 den Menschenrechtspreis von „Reporter ohne Grenzen“ und wurde 2016 geehrt mit dem Leuchtturm-Preis des Netzwerks „Recherche“, dem Hermann-Kesten-Preis des PEN-Zentrums Deutschland, der Goldenen Victoria für Pressefreiheit des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger sowie dem Preis für Freiheit und Zukunft der Medien von der Medienstiftung Leipzig. Im Oktober dieses Jahres wurde Dündar beim Medienwettbewerb „Prix Europa“ zum „Europäischer Journalist des Jahres“ gekürt. Can Dündar, der auch Ehrenbürger von Paris ist, lebt und arbeitet zurzeit in Berlin.